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Zwischen Freiheit und Schulpflicht – Steine auf dem Weg

Zwei unterschiedliche Wege im Bildungssystem gehen zu müssen, birgt Stolpersteine. Diese Stolpersteine äußern sich meist in Worten, die mich ins Wanken bringen, wenn ich gerade glaube fest zu stehen.
„Du kannst den Lehrern doch nicht sagen, dass du Schule nicht gut findest. Dann wirst du auch keinen guten Abschluss machen.“ Was immer ich dagegen sage, es kommt das Argument, dass ich mir ausgesucht habe noch einmal den Weg ins Regelschulsystem durch meine Ausbildung zu gehen und gleichzeitig in einem freien System an einer Freien Schule zu arbeiten. „Du wirst damit leben müssen, Lehrern nach dem Mund zu reden, sonst wirst du keine guten Noten haben. Das ist das Leben, Jule.“ Ist es das – das Leben, was ich mir ausgesucht habe? Oder ist es bloß das, was die Schulpflicht und das Schulsystem mit sich bringen?

Es schmerzt…

Diese Worte lassen mich straucheln, ich ringe um meine Balance. Vom Gefühl her ist es, als würde ich auf ei nem Drahtseil über einem Abgrund laufen. Schritt für Schritt ein bisschen weiter nach vorn. Bei jedem Windstoß kommt das Gefühl eines Sturms auf, der versucht mich von meinem Weg abzudrängen.
Wenn ich solche Sätze höre, ist nicht so leicht, mein inneres Gleichgewicht wieder herzustellen. Denn immer wieder fühle ich, dass mein Weg in Frage gestellt wird. Das sei nicht richtig. Auch wenn es sich für mich vollkommen richtig anfühlt, was ich in der Freien Schule mache und lebe. Trotzdem ist da dieser skeptische und bewertende Blick von außen, der an mit haftet. Manchmal brennt sich dieser Blick in meine Haut ein wie ein Branding. Und es schmerzt genauso.

Ein nach Hause kommen stellt sich ein

Die Wundheilung geschieht während meiner Zeit in der Freien Schule, wenn ich mit den Kindern auf der Wiese liege und die Wolken beobachte. Oder wenn wir den Ameisen zu schauen, wie sie kleine Holzstücke zu ihrem Ameisenhügel transportieren. Das Gefühl von innerlichem nach-Hause-kommen stellt sich ein, sobald ich das erste Kind begrüße und andere Kinder im Spiel beobachte.
Dann kommt plötzlich ein Mädchen auf mich zu. „Juliana, weißt du, ich stelle mir vor, dass es eine Feenwelt gibt, die so aussieht, dass dort nichts Schlechtes ist. Es ist nur Gutes und Schönes dort. Und es gibt nichts, was einen krank machen kann. Die Feen haben Vögel, die sie überall hin transportieren, damit die Feen nicht so weit fliegen müssen, wenn sie müde sind. Komm mit, ich zeig dir, wo das Tor zur Feenwelt ist.“ Und während das Kind meine Hand nimmt, ist es, als würden Pflaster auf die wunden Stellen geklebt.In mir breitet sich eine wohlige Wärme aus, wie ein lauer Sommerwind, kein Sturm mehr, der meine Haut streift. Es ist, als habe mein Inneres ein Lagerfeuer angemacht und alle Freunde eingeladen und singt nun „Heal the world“ von Michael Jackson gemeinsam. Ich kann tief durchatmen und bin angekommen. Meine innere Freiheit stellt sich wieder ein.

Lösungen von Herzen

An einem Mittwoch sagt eines der Kinder: „Es ist schön, dass du bei uns bist, Juliana. Ich habe dich am Montag vermisst. Wieso kannst du nicht hier sein?“, während es seinen Kopf an meinen Bauch drückt.
Ein Satz, der mein Herz hüpfen lässt, weil es sich alles richtig und so echt anfühlt. Und gleichzeitig eine Frage, die mir oft gestellt wird. Die Kinder kennen die Antwort und sie haben auch immer wieder die Erklärung dazu bekommen. Oft kommt dann „Und was musst du dann noch lernen? Können die nicht einfach mit hier hin zu uns kommen?“ Ich liebe diese Einfachheit der Antworten, denn es sind Lösungen, die von Herzen kommen. Das macht es mir leicht zu lachen, wenn mir bei Stolpersteinen erst gar nicht danach zu Mute ist.

Neuer Mut steigt in mir auf

Das Drahtseil der Schulpflicht wird durch meine Arbeit an der Freien Schule zu einer Hängebrücke, stabiler und mit Geländer. Diese Worte bringen mich wieder in mein inneres Gleichgewicht, sie sind Wegbegleiter, die mich an die Hand nehmen, wie ein guter Freund. Ich kann weitergehen und fühle mich sicherer auf dem noch vor mir liegenden Weg. Neuer Mut kommt in mir auf und lässt mich über diese Stolperstein-Worte steigen, um den weiteren Weg zu beschreiten.

 

Über die AutorinGlück

Juliana ist angehende Erzieherin und Lernbegleiterin an einer Freien Schule. Hier schreibt sie in regelmäßigen Beiträgen von ihren Erlebnissen und Erfahrungen.

2 Kommentare

  1. Hi Juliane,
    klasse, sie Sie das beschreiben, dieses Hin- und Hergerissen-sein zwischen innerer stimmiger Befindlichkeit und äußeren, zur Konformität mahnenden Einflüssen. Besser kann man das gar nicht formulieren wie Sie das hier tun. Schauen Sie sich jeden Vortrag von Gerald Hüther an und Sie werden bestätigt, dass Sie auf dem goldrichtigen Weg sind. Den alten Kram gilt es abzustreifen.
    Nur sind dazu die meisten eben noch nicht bereit. Es gehört nämlich Mut dazu, zum Inneren zu stehen. Die Wissenschaft à la Hüther, sagt ja schon lange, dass positive Emotionen wichtig sind.
    Nur gibt es da eben nicht viel zu lehren, sondern man muss das leben. Aber vom bloßen Be-lehren „leben“ nun mal viele an allen unseren Bildungsinstitutionen, deshalb klammern sie sich dran.
    Aber wenn man weiß, dass Wissenschaft einen bestätigt, dann sollte es doch leichter sein, die Unzulänglichkeit des bisherigen Systems noch ein bisschen auszuhalten, bis sich das Bessere, Stimmige dann letztlich doch durchsetzt.
    Schönen Gruß
    Christian

    1. Hallo Christian,
      Vielen Dank für Ihre Worte und die Wertschätzung.
      Die Vorträge von Gerald Hüther sind mir bekannt und bestärken mich immer wieder. Und ich denke, es geht vielen so, die sich auf den Weg machen und Menschen wie ihn kennenlernen.
      Ich stimme Ihnen zu, dass es Mut bedarf, um andere Wege zu gehen. Es bedarf nicht nur bei der ‘Erziehung’ von Kindern eines Dorfes, sondern auch bei denen, die neue Wege gehen. Denn dann kann Mut wachsen.
      Und wir werden etwas bewegen, um das Bessere in das System zu bringen.
      Sonnige Grüße,
      Juliana

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